"WARUM PICKADELIC?"
Ja, warum mache ich es eigentlich nicht wie die Anderen? Warum benutze ich kein Notebook? Warum interessiere ich mich so wenig für Klangsynthese, Software und die angesagtesten Beats? Warum habe ich so wenig Ehrgeiz, mich der Schule der Blip- und Knister-Elektronik anzuschließen und arbeite immer noch mit Loops? Vermutlich weil ich faul bin. Auf ähnliche Weise faul wie Raymond Scott, der zwanzig Jahre an seinem Studio arbeitete, um endlich elektronische Musik mit einem einzigen Knopfdruck zu komponieren. Da ich kein Softwareprogrammierer bin, ziehe ich es vor, Programme als gegeben hinzunehmen und vergeude meine Zeit lieber damit, systematische Strategien zu ihrer Benutzung zu entwickeln, als eine Art virtuelle Meta-Software. Eine solche war auch ursprünglich mit dem Namen 'Pickadelic' gemeint, der mittlerweile als mein Künstlername gilt. Wenn das Meta-Programm einmal läuft, versuche ich, mit dem Wind seiner Eigenlogik zu segeln und willkürliche Eingriffe eher zu minimieren. Vielleicht hat meine eigenwillige Position in diesen Dingen auch damit zu tun, daß ich ohne TV aufwuchs. Unbewußte Wahrnehmungsgewohnheiten, die fehlen - dafür hinterließ später das Kino der französischen Nouvelle Vague um so tieferen Eindruck. Godard und das Potenzial der neuen 16mm Handkamera, das Stildiktat der Filmindustrie zu unterlaufen; das Verwischen der Grenzen zwischen Drehbuch und Improvisation, Inszenierung und Dokumentation, das meine Sinne aufs äußerste anregte - und meine Assoziation, daß ein Sampler vielleicht das musikalische Gegenstück dazu sein könnte. Und der Loop? Ich sehe ihn als Grundform technisch (re-) produzierter Musik, die den ästhetischen Vorteil besitzt, daß der technische Eingriff für Alle nachvollziehbar ist. Sinn und Zweck der Wiederholung kann aber - abgesehen von Folter - nur Rhythmus sein. Daß die Kunst des repetitiven Rhythmus aber hauptsächlich aus Afrika stammt, bezeichnet ein historisches Zusammentreffen, das mir außerordentlich gut gefällt. Mithilfe der Technik auf möglichst direktem Weg den transatlantischen Rhythmus-Strom anzapfen, der aus Jazz, Rythm&Blues, Funk, Reggae, kubanischer und brasilianischer Musik fließt, eine Methode, die aus meiner Position vielleicht authentischer ist als Nachspielen. Aber Pickadelic ist noch mehr. Das einzige, was mir noch großartiger scheint als Musik, ist Musik plus Musik, ihr Mischung: wenn Musikfragmente zu kommunizieren beginnen, sich polytonale Räume öffnen und rätselhafte Obertonwolken bilden, die die Imagination stimulieren. Und genau diese Imagination fördert dann die nächsten Bausteine zu Tage, bis das Spiel komplett ist. Das zu einer Kunstform zu kultivieren, bzw. zu einem legitimen Sub-Genre der elektronischen Musik, ist vielleicht mein Hauptantrieb zu produzieren; wobei das Wort ‚Kunst' in diesem Zusammenhang lediglich auf die Bereiche des Projektes hinweist, die über den gängigen Begriff von elektronischer Musik hinausgehen. (ZURÜCK)